Karl Streer, der Fotograf

Karl Streer war der Fotograf der Daubaer Schweiz, viele der alten Ansichten, die diese Datenbank illustrieren, stammen aus seiner Hand.

Ein Leben für die Fotografie - der Fotograf und Verleger Karl Streer

Text von Klaus Streer

Mein Vater, Karl Streer wurde am 24.2.1892 als erster Sohn der Kaufmannsfamilie Alexander und Maria Streer in Dauba geboren. In der Kinderzeit war er sehr eng mit dem Sohn des Bauern Anton Brückner und Nepomutskis ältestem Sohn, dem Sohn eines Lehrers befreundet und das Dreigestirn verbrachte fast die ganze Zeit auf dem großen Bauernhof neben der Bürgerschule. Er besuchte die Volks- und Bürgerschule in Dauba, absolvierte die Kaufmannslehre in Dauba und Turnau bei der Kaufmannsfamilie Linke, die neben Lebensmitteln auch eine Feinkostabteilung und eine Weinstube hatten.

Die Stadt Turnau hatte damals ca. je zur Hälfte deutsche und tschechische Einwohner und Vater lernte dort perfekt tschechisch. Nach 2 1/2 Jahren beendete er mit gutem Abschluß die Lehrzeit und er sollte später das elterliche Lebensmittel- und Feinkostgeschäft mit Kaffeerösterei, Eier-, Butter-, und Hefe-Großhandel übernehmen.

Im Anschluß besuchte er ein halbes Jahr die Handelsschule in Prag, legte ein Examen ab und trat 1911 bei der Firma Schicht - Öle, Fette und Seifen in Aussig an der Elbe als Fakturist ein. Anschließend arbeitete er in Meißen (Sachsen) in einem Delikatessengeschäft.

Dort arbeitete er mit einem Kollegen zusammen, der so für die Marine schwärmte, daß sich Vater im Jahr 1912 freiwillig zur Österreichisch-Ungarischen Marine meldete. Er wollte anfangs die Offizierslaufbahn einschlagen, aber da dies Großvater so gegen dessen Vorstellungen ging, verweigerte er Vater die 10.000 Kronen, die nötig waren, um die Offiziersschule zu besuchen. So fing er trotzdem als einfacher Matrose die Grundausbildung auf dem Schlachtschiff "Tegetthof" an und wurde später auf dem Schlachtschiff "Visilis", dann auf dem leichten Kreuzer "Helgoland" und zuletzt auf dem U-Boot "U 9" als Torpedomaat eingesetzt. Ein bis zwei Schiffe wurden jeweils zu einer Weltreise abkommandiert und so kam Vater auch nach Südamerika. Heute ist fast nicht mehr bekannt, daß Östereich-Ungarn eine starke Kriegsflotte besaß. Der Heimathafen, der Schiffe, auf denen er diente, war zuerst Poala (Pula) und als 1914 der 1. Weltkrieg ausbrach, wurde die schnelle 4. Kreuzerflotille nach Sebenika verlegt, wo auch er 2 Jahre stationiert war. Später lagen die Schiffe in der Bucht von Cattaro. Sie nahmen an schweren Seeschlachten gegen englische und italienische Kriegsschiffe teil und beschossen auch Militäranlagen an der italienischen Küste.

Damals fing Vater an, die Seegefechte und eingetretenen Schäden auf den Schiffen mit einer 13 x 18 cm Plattenkamera zu fotografieren und mit der Zeit wurde er der erste Bildberichterstatter der K.u.K.-Kriegsmarine. Viele seiner seltenen und oft gewagten Aufnahmen wurden damals in Zeitungen und Illustrierten veröffentlicht und er verdiente gutes Geld damit,weil er auch die Berichte dazu lieferte. Mehrmals wurde ihm der Fotoapparat vom Oberbefehlshaber konfisiziert, aber immer wieder zurückgegeben. Noch heute kann man etliche Bilder von ihm im Wiener Kriegsmuseum betrachten. Nach Kriegsende schlug er sich als Marinesoldat mit einigen Kameraden auf abenteuerlichen Wegen in die Heimat durch und alle drei eingezogenen Söhne der Familie Streer kehrten, teilsweise verwundet, aus dem Krieg zurück, obwohl sie vielfach an schweren,verlustreichen Kämpfen teilgenommen hatten.

Schon aus der Schulzeit kannten sich meine Eltern. Meine Mutter Hedwig hatte früh ihre Eltern verloren und war als Vollwaise zu ihrer Tante Ruth nach Dauba gekommen, wo diese als Witwe das Gasthaus "Zur Stadt Hamburg" bewirtschaftete. Später lernte meine Mutter in der "Pötschmühle" (in einer Papierfabrik bei Krumau) Kontoristin und am 14.9.1918 heirateten meine Eltern. Als 1918/1919 die neue Tschechoslowakei von Masaryk gegründet und auch die deutschsprachigen Sudetengebiete von tschechischen Truppen besetzt und in den neuen Staat zwangsweise eingeliedert wurden, zogen auch in Dauba die teils schlecht deutsch sprechenden tschechischen Beamten nach und nach ins Rathaus und bei der Polizei ein und ersetzten entlassene Deutsche.

Nach seiner Heimkehr fotografierte Vater unsere engere und später seine weitere Heimat und gründete mit Hilfe meiner Mutter, welche gelernte Kontoristin war, einen Postkarten- und Kalenderverlag im Streer-Haus, Schillerstraße 63 in Dauba.

Meinen Eltern wurden im Laufe der Jahre vier Kinder geschenkt, Walter, geb. 1921, Brunhilde, geb. 1923, Gretl, geb. 1926 und Klaus, geb. 1929. Walter und Gretl starben leider schon kurz nach der Geburt.

Bald ließ Vater seine ersten Postkarten und im Jahr 1923 seinen ersten Kalender "Sudetendeutscher Jahrweiser" im Tiefdruckverfahren bei der Kunstanstalt Neubert in Prag drucken. Es folgten der Kalender "Das Kind" und viele Postkarten aus der Daubaer Schweiz, vom Hirschberger See, vom Bösig und aus dem Riesengebirge (Reihe Wanderungen durch die Heimat). Erschwert wurde seine Tätigkeit dadurch, daß er in Wort und Bild die Nöte und Sorgen der unterdrückten deutschen Bevölkerung herausstellte und oft wegen der Freigabe seiner beschlagnahmten Druckerzeugnisse bei den tschechischen Behörden vorstellig werden mußte.

Trotzdem ging es geschäftlich langsam aufwärts, das Geschäft weitete sich aus. Die Hohe Tatra, den Böhmerwald und das österreichische Alpengebiet erfaßte Vater fotografisch und bezog es mit einer Verlagszweigstelle in Salzburg in sein Tätigkeitsgebiet ein.

So kamen die unruhigen Jahre 1935 bis 1938 heran, wo die Tschechen durch die deutsch bevölkerten Gebiete drei Befestigungslinien bauten. Die dritte Verteidigungslinie ging quer durch das Daubaer Land. Das war naiv und teuer, bei kriegerischen Auseinandersetzungen aber total nutzlos. Die Vermessungstürme, Panzergräben, Stacheldrahtverhaue und Bunker hätten einen Angriff der deutschen Wehrmacht nicht aufhalten können.

1938 wurde vom tschechischen Staat eine allgemeine Mobilmachung ausgerufen und auch alle deutschen Männer im wehrfähigen Alter wurden eingezogen. Sehr viele verweigerten den Einberufungsbefehl und gingen in die Wälder, wo sie die "Grüne Wehr" bildeten, um nicht gegen die deutschen Landsleute kämpfen zu müssen. Auch diese tschechischen Verteidigungsanlagen wurden nach dem Einmarsch der deutschen Truppen fotografiert (ich war selbst oft dabei), da diese Postkarten bei den deutschen Soldaten sehr beliebt waren.

Die Besetzung des Sudetenlandes durch die deutschen Truppen und die Befreiung von der tschechischen Unterdrückung im Jahr 1938 wurde von der deutschen Bevölkerung mit viel Jubel begrüßt. Die in den 20er und 30er Jahren in die Stadt Dauba gezogenen tschechischen Beamten, Lehrer und Polizisten usw. waren vorher im Schutze ihrer mobil gemachten Soldaten feiwillig mit ihren Familien und ihrer ganzen Habe in die Herkunftsorte in der Resttschechoslowakei zurückgekehrt.

Aber bald setzte auch bei uns eine Ernüchterung ein. Die wichtigen Stellen in der Verwaltung und Polizei wurden nicht mit einheimischen sondern mit reichsdeutschen Beamten besetzt und fast alle Männer im wehrfähigen Alter wurden zur deutschen Wehrmacht eingezogen.

Das Fotogeschäft und der elterliche Verlag florierten, bis in den ersten Kriegsjahren das Papier knapp wurde und dadurch die Postkarten- und Kalenderproduktion eingeschränkt werden mußte. Der große Einbruch kam im Jahr 1943 als der Schwager meiner Eltern als in Prag lebender Jude in das Ghetto Thersienstadt gebracht wurde. Vater hatte sich um die Freilassung von "Onkel Emil" mit mehreren Eingaben bei den damaligen Machthabern eingesetzt, was ihm anfangs Verwarnungen, dann ein Druckverbot und die Eingliedeung seines Verlages in einen reichsdeutschen Verlag einbrachte. Er selbst wurde, obwohl er nicht mehr im wehrfähigen Alter war, zur Luftschutzpolizei bzw. Feuerwehr nach Aussig eingezogen und damit mundtot gemacht. Sein Schwager ist dann 1945 im KZ Thersienstadt gestorben. Trotz mehrerer Einsätze bei schweren Bombenangriffen auf deutsche Städte ist Vater weitgehend unverletzt geblieben und hat sich zum Kriegsende, im Mai 1945, nach Hause durchschlagen können.

Wie viele andere Männer der Stadt Dauba wurde auch Vater nach dem Einmarsch der russischen Truppen von ihnen festgenommen,aber nach einem Verhör wegen "Unbedenklichkeit" wieder entlassen. Als im Juni 1945 die russischen Truppen wieder abzogen, wurde u.a. auch Vater sofort von den neuen tschechischen Machthabern verhaftet. Er soll angeblich im Jahr 1938 ein deutscher Spion gewesen sein und für die deutsche Wehrmacht die tschechischen Verteidigungslinien ausspioniert und fotografiert haben. Bei den Verhören wurde er furchtbar mißhandelt und dann 1946 von einem tschechischen Gericht ohne Beweise zum Tode verurteilt. Wie durch ein Wunder überlebte er schwerverletzt und total unterernährt die grausamen Mißhandlugen und Folterungen durch die Tschechen. Mehrmals lag er damals bewußtlos in der Gefängniszelle. Er durchlitt die Torturen in den Gefängnissen in Dauba, Böhmisch-Leipa und als Todeskandiat im berüchtigen Zuchthaus Pankraz in Prag. Später, zu lebenslanger Haft begnadigt, wurde er als "lebenslänglicher, politischer Gefangener" in ein Strafarbeitslager bei Joachimsthal gebracht und mußte dort sechs Jahre lang die hohen Arbeitsnormen in der Uranmine erfüllen. Durch die Schwerstarbeit in der Uranmine, ohne jegliche Schutzkleidung, hat er schwere Strahlungsschäden davongetragen, so daß man ihn dann, krank und stark geschwächt, ins Zuchthaus Pilsen-Bory überstellte, wo er als Fotograf und in der Anstaltsbibliothek arbeiten konnte.

1955, durch die Initiative des damaligen Bundeskanzlers Dr. Konrad Adenauer, der die Heimkehr der deutschen Kriegsgefangen aus den früheren Ostblockstaaaten erreichte, ist Vater auch nach zehnjähriger Haftzeit nach Deutschland abgeschoben worden. Abgemagert und krank, aber mit ungebrochenem Lebensmut und voller Pläne ist er zu uns nach Hattingen/Ruhr gekommen, wo er mit großer Freude von Mutter, mir und meiner Familie begrüßt wurde.

Bald hatte er seine besten Freunde Hubert Rösler aus Hirschberg am See und Theo Keil aus Reichenberg wiedergefunden, die zwischenzeitlich in Waldkraiburg/Oberbayern Bürgermeister und Schuldirektor waren. Nach einem Besuch bei ihnen hat Vater zwei Bunker in der ehemaligen großen WASAG-Munitionsfabrik erworben, wo er mit meiner Hilfe und der Familie einen neuen Verlag aufbaute.

Leider war nach Kriegsende ein Jahrzehnt vergangen und der Anschluß an die angelaufene Konjunktur nicht mehr zu erreichen. So platzte sein in Gefangenschaft gereifter Traum, Schwarz-weiß-Fotopostkarten im Rotationsverfahren herzustellen. Ich konstruierte und baute zwar diese Anlage oft bis in die späte Nacht mit sparsamsten Mitteln und sie funktionierte auch, aber die Zeit für diese Art Postkarten war abgelaufen, der große Renner waren jetzt Postkarten in Farbe, im Offset-Verfahren hergestellt. Aus Geldmangel mußte ich dann eine andere Stelle annehmen, um meine Familie ernähren zu können. Vater und Mutter lebten weiter im Anbau der Bunker und Vater fotografierte weiter die Entstehung Waldkraiburgs und stellte im kleinen Umfang Postkarten her.

1970 verkauften meine Elten die Bunker und zogen ins evangelische Altenheim. Ich hatte 1960 bei Siemens in München als Dreher und Mechaniker im Werkzeugbau angefangen und in den Abendstunden die Meisterschule besucht und anschließend die Meisterprüfung abgelegt. Nach Regensburg versetzt, begann ich im neuen Werk die Ausbildungsabteilung aufzubauen und 1970 mit meiner Familie neben dem Werk ein Haus zu bauen. Hierin war auch eine Wohnung für die Eltern vorgesehen. Leider wollten dann aber die Eltern nicht mehr von Waldkraiburg wegziehen, da sie sonst alle Freunde und Bekannten verloren hätten. Am 10. Juli 1971 ist Vater dann im Krankenhaus von Mühldorf/Inn bei einer Blutkrebs-Operation gestorben. Gegen diese Krankheit, durch Strahlungsschäden während seiner Gefangenschaft in der Uranmine von Joachimsthal zugezogen, hat Vater die ganzen Jahre gekämpft und letztlich verloren. Seien Nachlaß von tausenden Aufnahmen von Waldkraiburg/Obb. und Umgebung aus den Jahren 1955 bis 1970 habe ich kostenlos dem Stadtarchiv Waldkraiburg zur Gestaltung der Stadtgeschichte überlassen. Dafür wurde Vater in einer Feierstunde geehrt und nimmt einen besonderen Platz in der Stadtgeschichte ein.

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